Alle sind gleich vor dem Schabbat, dem hochmodernen Ruhetag

March 4, 2012

Wir haben uns so daran gewöhnt, jede Woche einen freien Tag zu haben, dass wir uns kaum bewusst machen, wie fremd der Gedanke eines Ruhetags in vergangenen Zeiten war. In unserer Gesellschaft schätzen wir Ruhetage sehr: Wir haben eingeführt, dass es pro Woche nicht nur einen, sondern zwei gibt, und haben so das Wochenende geschaffen. Wir haben völlig vergessen, wie außergewöhnlich die Idee einer regelmäßigen Ruhe ist. Wir spüren kaum noch, wie jung das arbeitsfreie Wochenende ist.

Vor nicht so langer Zeit war schon ein Ruhetag pro Woche ein Luxus; an ein zweitägiges Wochenende war schon gar nicht zu denken. Bevor bezahlte Ferientage üblich wurden, konnten sich nur Reiche Ruhe und Freizeit leisten. Und bevor das Christentum die jüdische Idee des Schabbats1 verbreitete, war selbst ein wöchentlicher Ruhetag unvorstellbar … ausser bei einem kleinen, eigenartigen Volk … dem Volk Israel. Kurz nachdem sie das Land ihrer Knechtschaft verlassen hatte, stand ein Haufen befreiter Sklaven, die die Niederlage ihrer Herren miterlebt hatten, am Fusse des Berges Sinai und hörte:

Gedenke des Schabbat-Tages, ihn zu heiligen … Denn in sechs Tagen hat der Ewige den Himmel und die Erde, das Meer und alles, was darin ist, gemacht, und am siebten Tag hat Er geruht; darum hat der Ewige den Schabbat-Tag gesegnet und ihn geheiligt. (Das Buch Schemot, Kap. 20, Vers 8 und 11)

Ja, diese Leute waren unsere Vorfahren, das Volk Israel, das nur kurz zuvor aus Ägypten – dem Land seiner Leiden – ausgezogen war und nun die Offenbarung G”ttes am Berg Sinai miterlebte. Read the rest of this entry »


Jubiläumsfeier der Ohel-Jacob-Synagoge I

January 8, 2012

Mittlerweile sind seit dem fünften Jubiläumsfeier unserer Synagoge zwei Monaten vorbei, aber der Tag bleibt von großer Bedeutung. Also bitte ich um Verzeihung, dass mit unserem Umzug und dem neuen Amt ich bisher kaum Zeit hatte, neues zu posten. Anbei meine Rede jenes 9. November-Feier, der in einem zweiten Post später heute mit einige Bilder und Presse-Artikel ergänzt wird.

Von der IKG-München-Webseite:

Der heutige Anlass steht im Zeichen der Zukunft.

Für uns soll der 9. November nicht mehr bloß an die blutigen Vergangenheit Deutschlands und Europas erinnern, sondern auch die neue Blüte, die hier und anderswo wächst: Die Blüte der florierenden Gemeinden, die aus dem Nichts, aus der Asche der Zerstörung wieder neu auflebten.

Ich zittiere die Profezeiung des Profeten Secharja (8:4-5): Es werden noch Greise und Greisinnen in den Straßen von Jerusalem sitzen, ein jeder mit seinem Stabe in seiner Hand vor Menge der Tage. Und die Straßen der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf seinen Straßen spielen.

Wir haben nicht nur in der heutigen Zeit erleben dürfen, wie jüdische Greise und Greisinnen in den Straßen von Jerusalem gemütlich sitzen und jüdische Knaben und Mädchen dort spielen, sondern auch hier in München und in anderen Städten wo neue Blüten der jüdischen Gemeinden wieder erblühen. Damit spiegelt unsere Zeit eine andere Profezeiung Secharjas (18:19) wieder Read the rest of this entry »


Sollten wir alle Kohanim sein?

June 10, 2010

DeutschKórachs Hauptargument in seiner Rebellion gegen Moschè Rabbénu war:

רַב־לָכֶם כִּי כָל־הָעֵדָה כֻּלָּם קְדֹשִׁים וּבְתוֹכָם ה’ וּמַדּוּעַ תִּתְנַשְּׂאוּ עַל־קְהַל ה:

Zu viel für euch! Alle in der Gemeinde sind heilig, und unter ihnen ist Gott; warum erhebt ihr euch über die Gemeinde Gottes? (Bamidbar 16:3)

Während die Tora Kórachs Behauptungen nicht genau zitiert, können wir aus Moschès Reaktion schliessen, dass Kórach Moschè der Vetternwirtschaft beschuldigte, weil er seinen Bruder Aharón als Kohén Gadól (Hohepriester) eingesetzt hatte. Aber diese Männer wollten nicht, dass das Priesteramt allen zugänglich sein sollte. Obwohl sie behaupteten, alle seien heilig, zogen sie nicht die logische Schluss­folgerung aus ihrem Argument und verlangten Gleichheit – nein, jeder wollte nur einfach selbst als das zeremonielle Oberhaupt von ‘Am Jissra’él, als Kohén Gadól, ausgewählt werden.1 Moschè forderte seine Kritiker dementsprechend auf, Read the rest of this entry »


Offenbarte Vernunft

May 13, 2010

DeutschDie Offenbarung am Sináj ist der Inbegriff von religiöser Erfahrung. Wenn diese Offenbarung einer derart spiritueller, himmlischer Bedeutung sind, warum handeln die letzten fünf der Zehn Worte von so einfachen Dingen wie dem Verbot von Mord, Diebstahl und falscher Zeugenaussage? Sind das nicht Mizwót der Art, die Raw Sa‘adjá Ga’ón מצות שכליות ‘rationale Gebote’ nannte,3 oder, wie Raschi es ausdrückt (Bereschít 26:5), Vorschriften, die selbst dann, wenn sie nicht in der Torá stünden, für uns bindend wären? Read the rest of this entry »


Ansprache anlässlich des G”ttesdienst in der historischen Synagoge von Endingen, an Chol-HaMo’ed-Pessach

April 7, 2010

Was noch könnte Pessach bedeuten?

Numerii Kap. IX: Während der vierzig Jahren, dass die Israeliten in der Wüsste weilten, vor dass sie ins heilige Land einziehen durften, wurde kein Pessachopfer gebracht. Kein einziges? Nein, ein einziges mal wurde das Pessachopfer doch gebracht: zum ersten Pessachfest nach dem Auszug. Einige Leute durften das Opfer aber nicht bringen, weil sie zu einer Beerdigung usw. tamé (rituell veruntreinigt) wurden.

Jedoch wollten sie unbedingt das Pessachopfer bringen. Moses wendete sich zu G”tt, der das sgn. Pessach-Schení-Fest verordnete: der, der es fürs erste mal nicht schaffte, durfte es ein Monat später nachholen.

Aber: wieso wollten jene Leute unbedingt das Opfer bringen? Sie hatten ja eine legitime Dispensation?

Oder direkt von Vimeo.

PS: Weil es eher kalt war, wurde die Predigt nicht während des G”ttesdienstes, sondern zum Frühstück nachher, im Pflegeheim Margoa – Lengnau, gesprochen.


Wieso “ruhte” G”tt?

October 14, 2009

DeutschKi miBasel tezé Torá — aus Basel wird, gleich ehrwürdigen jüdischen Gemeinden der ganzen Welt, Torá veroffentlicht und gelehrt. Der basler Verlag Morascha veröffentlich nun die Neuausgabe des 2. Band des Hirsch-Chumasch, mit der Übersetzung und dem Kommentar des Rabbiner Samson Raphael Hirsch, ein klassiker der deutsch-jüdischen Torá-Literatur. Hirsch_Chumasch-MoraschaRabbiner S.R. Hirsch ist wohl bekannt und braucht kaum vorgestellt zu werden; über ihn wurden im Web sogar dützende biografische Seiten geschrieben. Doch ist die Neugestaltung seines Chumasch, das bisher nur als Offset-Druck der originalen Ausgabe — in gothischen Schrift — vorhanden war, zu feiern. Der Text ist schön und deutlich gedruckt, Druckfehler wurden korrigiert und das ganze in einem attraktiven Ensemble gebunden. Die Lehre von Rabbiner Hirsch ist wieder in der Originalsprache breit zugänglich.

Als Illustration seiner tiefen Verständnis des Torá-Textes und der Gebote, bringe ich hier eine Erklärung aus dem Buch Schemót, also aus dem neu erschienenen Band, die eine Stelle in dem Wochenabschnitt der kommenden Woche – Berejschít – erläutert.

Eine immer wiederkehrende Frage im Bezug auf der Schöpfungsgeschichte ist, wieso man an dem Schabbat, der nach Schemót 20:11 Andenken an dieser Schöpfungsgeschichte ist, ruhen muss? Wieso ruhte G”tt, der ja kein Körper hat und dem entsprechend nicht müde wird? Read the rest of this entry »


Wir sind für die Evolution!

October 9, 2009

DeutschDiese Evolution ist aber nicht die, die man üblicherweise mit diesem Nenner bezeichnet – dafür ist unser Beitrag zum Verständnis der menschlichen Evolution aber umso grösser.

Arie Folger

Der moderne Mensch unterscheidet sich von seinen Vorfahren aus dem vorindustriellen Zeitalter darin, dass er nicht nur passiv am Fortschritt teilnimmt (die Entwicklung verlief früher so langsam, dass kaum jemand sie bemerkte, obwohl man im Lauf der Zeit enorme Fortschritte machte), sondern ihn sich aktiv zu eigen macht. Er fürchtet den Fortschritt zwar (weil er ihm seinen derzeitigen Arbeitsplatz kosten könnte), aber er liebt ihn auch.

Die Torá lehrt, wie Gott dem Meschen befahl, sich fortzuentwickeln, nämlich in dem Auftrag פְּרוּ וּרְבוּ וּמִלְאוּ אֶת־הָאָרֶץ וְכִבְשֻׁה ‘seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan’ (Bereschít 1:28). Die Erde ist das Rohmaterial, mit dem die Menschheit ihre Kultur entwickelt. Read the rest of this entry »


Judentum und westliche Gesellschaft im Einklang

August 16, 2009

DeutschDas ist also die Herausforderung: Da das Judentum mit vielen Werten der westlichen Welt im Einklang steht, aber auch in manchen Punkten nicht mit ihr übereinstimmt, stellt sich die Frage, ob wir die Ähnlichkeiten zwischen unseren jüdischen handlungsorientierten Leitlinien und der Umgebung betonen sollen oder die Unterschiede. Zwei Erziehungsziele stehen im Judentum im Vordergrund: unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Vergangenheit zu akzeptieren und unsere fortdauernde Zugehörigkeit zum auserwählten Volk anzustreben.

–Arie Folger Read the rest of this entry »


Damit man uns nicht vergisst

August 7, 2009

DeutschWas sind die Herausforderungen des europäischen Judentums? Kann das europäische Judentum wieder glanzen, und wie soll es diesen Glanz entwickeln? Anbei folgendie notwendige Grundzüge einer europäischen jüdischen Identität, die aber lieber nicht in Museen und Judaistikzentren blühen wird – auch diese sind wichtig, aber spielen nur eine sekundäre Rolle -, weil wir nicht nur eine ruhmreiche Vergangenheit in Erinnerung beibehalten wollen, sondern eine Zukunft, dass wir nicht die Ausstellung des Museums werden, dass das europäische Judentum sich nicht versteinigt und nicht die Fehler des 19. Jh. wiederholt.

Am Anfang des neuen Schuljahres und in Vorbereitung zum europäischen Tag der jüdischen Kultur ist dieser Aufsatz hochst aktuell.

–Arie Folger, 7. August 2009 Read the rest of this entry »


Die rechtschaffen Frauen

April 3, 2009

Die rechtschaffenen Frauen in Ägypten1

Je zahlreicher unsere Vorfahren in Ägypten wurden, umso mehr wurden sie von den Ägyptern unterjocht und unterdrückt. Das gipfelte in den berüchtigten Anweisungen des Par‘ó an die Hebammen und später an alle Ägypter:

וַיֹּאמֶר בְּיַלֶּדְכֶן אֶת־הָעִבְרִיּוֹת וּרְאִיתֶן עַל־הָאָבְנָיִם אִם־בֵּן הוּא וַהֲמִתֶּן אֹתוֹ וְאִם־בַּת הִיא וָחָיָה׃

Und er sagte: Wenn ihr die Hebräerinnen entbindet, so sollt ihr auf den Geburtsstuhl achten; wenn es ein Sohn ist, so sollt ihr ihn töten, und wenn es eine Tochter ist, so mag sie leben. (Schemót 1:16)

וַיְצַו פַּרְעֹה לְכָל־עַמּוֹלֵאמֹר כָּל־הַבֵּן הַיִּלֹּוד הַיְאֹרָה תַּשְׁלִיכֻהוּ וְכָל־הַבַּת תְּחַיּוּן׃

Da gebot der Par‘ó seinem ganzen Volk: Jeden neugeborenen Sohn sollt ihr in den Fluss [Nil] werfen, und jede Tochter mögt ihr leben lassen. (Schemót 1:22)

Warum wollte der Par‘ó die Jungen töten und die Mädchen am Leben lassen? Wenn er ‘Am Jissrael auslöschen wollte, welchen Sinn hatte es, die Mädchen am Leben zu lassen? Read the rest of this entry »


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